Der Besuch auf dem Bauernhof übertraf alles

Gruppenfoto vor der Gildehauser Ostmühle

Die Flüchtlingsdiakonie der reformierten Gemeinde Schüttorf lud zu einer Rundfahrt durch die Obergrafschaft ein

Wie heißt Klootschießen auf Arabisch? Gönül Ucar, in beiden Sprachen bewandert, versuchte es erst gar nicht. Die Flüchtlingsbetreuerin und Übersetzerin hätte wohl vergebens nach einer passenden Vokabel für dieses norddeutsche Wintervergnügen gesucht. Mit einer Busladung voll Flüchtlingen und Flüchtlingspaten war sie am Sonnabend auf Rundfahrt durch die Obergrafschaft. Und da war man irgendwo zwischen Ohne und Bad Bentheim an einer großen Klootschießer-Truppe vorbeigerollt, die den schwarzhaarigen jungen Leuten im Bus freundlich zuwinkte. Ein kleiner, aber signifikanter Ausschnitt aus einer erlebnisreichen Fünf-Stunden-Tour.

Dazu eingeladen hatte die Flüchtlingsdiakonie der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Schüttorf, an Bord vertreten durch Pastor Johannes de Vries. Ihm zur Seite neben Gönül Ucar der „Reiseführer“ Heinz Banvinck, nicht zu vergessen Busfahrer Friedhelm Zurawski, der in den engen Straßen von Ohne, Bentheim und Gildehaus wahrlich keinen leichten Job hatte.

Begonnen hatte das ganze Unternehmen mit einem gemeinsamen Frühstück im „Komplex“-Saal. Eine multinational besetzte Helfergruppe hatte für leckere Brötchen gesorgt und bei der Auswahl des Belags auch auf die Speisevorschriften des Islam geachtet. Die rund 60 Gäste – Männer, Frauen, Kinder – ließen sich denn auch die Geflügelwurst schmecken. Währenddessen zeigte Heinz Bavinck auf einer großen Landkarte aus dem Schüttorfer Schulmuseum, wohin die Fahrt gehen sollte.

 

Die Strecke führte zunächst durch das Schüttorfer Industriegebiet. Dem einen oder anderen mag dabei wohl die Frage durch den Kopf gegangen sein, ob es für ihn hier wohl einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz geben könnte. Als Bavinck auf die Diskothek „Index“ hinwies, zeigte das Lachen, dass die jungen Männer sehr wohl wussten, was es damit auf sich hat. Weiter führte die Fahrt über die Vechte („Lebensader der Grafschaft“ durfte Gönül Ucar übersetzen), die Autobahn 31 und vorbei am Ziegen-Hof Dennemann in Samern zur ersten Station: Ohne. Hier öffnete die älteste Kirche der Grafschaft einladend ihre Tür, durch die seit 900 Jahren Christen zu ihren Gottesdiensten gehen. So war es schon ein ungewöhnliches Bild, wie die vielen Muslime in den Kirchenbänken aufmerksam den Erklärungen des Pastors lauschten, während die Kinder unbefangen die Kanzel eroberten. Dass sie auch noch den Klang der Orgel hören konnten, war ein willkommener Zufall. Der Organist bereitete sich zu eben dieser Stunde auf eine bevorstehende Trauerfeier vor.

Aus Bentheimer Sandstein, auf den Heinz Bavinck immer wieder hinwies, gefügt sind sowohl die „Franzosenbrücke“, die seit 1793 die Eileringsbecke überspannt, als auch die mächtigen Schlossgebäude der Burg Bentheim. Welchen historischen Schatz die kleine Brücke darstellt, erschloss sich den Menschen aus Syrien, dem Sudan oder aus Afghanistan wohl nur vage. Die Burg aber machte mächtig Eindruck – was deren Erbauer ja schon vor Jahrhunderten beabsichtigten.

Vor der Ostmühle in Gildehaus zu posieren, ließ sich kaum einer entgehen. Die Smartphone-Kameras wurden hart gefordert. Spätestens hier hätte auch der voreingenommenste Spießer erkennen müssen, dass diese Flüchtlinge nicht irgendwelche Hinterwäldler, sondern moderne Menschen unserer Zeit sind – intelligent, informiert, aufgeschlossen und mit natürlicher Fröhlichkeit begabt. Dass sie in ihrem Seelengepäck auch fürchterliche Erfahrungen aus ihrer Heimat, die Lasten eines Fluchtweges durch acht Länder und die Sorgen um ferne Angehörige mitschleppen, war an diesem Nachmittag nur im Einzelgespräch zu erfahren. Ansonsten traf die Bemerkung einer deutschen Mitfahrerin genau: „Die Stimmung ist wie auf einem Schulausflug.“
Der „Schulausflug“ fand seinen von allen empfundenen Höhepunkt auf dem Hof von Friedrich und Zwanette Kleine-Ruse in Wengsel. 85 Milchkühe, neugeborene Kälber, auskunftsfreudige Gastgeber – da waren die Menschen aus dem nahen und dem fernen Osten wie elektrisiert. Alles wollten sie sehen und wissen. Selbst die Stadtmenschen unter ihnen waren angerührt von den Tieren und davon, wie sie hier gehalten werden. Die Eheleute Kleine-Ruse hatten zudem jede Menge alkoholfreier Getränke bereitgestellt. Das war sehr willkommen. Aber keine Milch? Doch, doch, die gab‘s dann auch noch frisch von der Quelle.

Zum Schluss ging es noch einmal hoch hinaus: auf den Aussichtsturm auf dem Isterberg zu einem Blick über das weite Land. Für den Ausdruck des Körpergefühls brauchte man keinen Dolmetscher: „Kalt?“ „O kalt, ja kalt!“ Aber jetzt klatschte man im warmen Bus erst einmal ein Dankeschön an Reiseleiter Heinz und Busfahrer Friedhelm. Zurück in Schüttorf warteten im reformierten Gemeindehaus Kuchen und Schokoküsse auf die Rückkehrer. Frage an eine Gruppe junger Syrer: „Was hat Sie am meisten beeindruckt?“ Die Unisono-Antwort ist als Rangfolge gemeint: „Der Bauernhof, die schlichte Kirche, das große Schloss auf dem Berg“.

Von Andreas Krzok

Alle Fotos: Andreas Krzok